Publikationen
Unverschämt erfolgreich
- Provokation als Schmiermittel, Erkenntnisträger und Humorfaktor in
Verhandlung, Beratung und Coaching
von Ruth Hellmich und W. Bodhidharma
Online-Veröffentlichung bei Businessvillage
30.08.2007
„Wollen wir wieder stundenlang um den
heißen Brei herumreden und endlos taktieren oder sind Sie bereit, mit
offenen Karten zu spielen?“ „Sie meinen, wir haben ein Problem, ein
gemeinsames Ergebnis zu finden? Nein, nicht wir haben ein Problem, Sie
sind das Problem!“ „Von wegen souverän. Nun seien Sie doch mal ehrlich,
Sie haben die Hosen gestrichen voll.“ „Natürlich sind Sie als Verkäufer
auf Einwandbehandlungen trainiert – wie ein Jagdhund, der seine Beute nach
Hause bringen soll. Wie oft haben Sie denn schon dadurch einen
Vertragsabschluss verhindert, weil niemand mehr dieses roboterhaft
freundliche Plastikgesülze ertragen kann?“ “Jetzt stellen Sie sich doch
mal vor, ich wäre Ihr Bruder oder Ihre Mutter, was würden Sie mir dann
raten? Können wir uns darauf beschränken?“
Unverschämtheiten wie diese bewirken oft
einen Richtungswechsel im Gespräch, bringen das Gegenüber aus seiner
Vorstellungswelt, er wird wacher und das Gespräch spritziger. Die
Betriebstemperatur steigt. Auch wenn es dafür keine Garantie gibt, so
erhöhen wir doch die Chance, schneller auf den Punkt und zu einer Lösung
zu kommen.
Als Provokateure in Verhandlungen, in der
Beratung und sogar in Coaching und Psychotherapie werfen wir die bekannten
Elemente von gelungener Kommunikation kurzzeitig über Bord und treten sie
mit Füßen. Wir übertreiben, sprechen heimliche Ziele, Strategien und
„Schattenseiten“ an, artikulieren Tabus, spielen mit Klischees,
attackieren und unterbrechen unser Gegenüber und sprechen seinen
unangenehmsten Gedanken unumwunden aus.
Gekonntes Provozieren löst gemeinsames
Lachen aus
Nach einem Stutzen oder Erschrecken oder
sogar dem Aufflammen unangenehmer Gefühle, entladen sich bei gekonnter
Provokation sämtliche Spannungen in einem gemeinsamen Lachen. Denn wenn
wir uns mit unserer Situation und unseren Problemen übertrieben als
Karikatur auf eine Leinwand gespiegelt wieder finden, trifft das bei den
meisten Menschen auf Humor. Wir gewinnen Abstand und mehr Souveränität und
können gemeinsam über das Lachen, was nun als die kleinen menschlichen
Schwächen viel sympathischer erscheint.
Das entspannt die Atmosphäre. Mit Humor
verstehen wir leichter und schneller, sind kreativer und können besser
kooperieren. Provokationen führen zu mehr Spritzigkeit, geben dem Prozess
mehr Würze, entlarven falsche Harmonie und vergifteten Frieden und
erlauben eine komplexere Sichtweise. Der mit ihnen einhergehende
Aha-Effekt öffnet neue Wege – heraus aus festgefahrenen Mustern. Dadurch
werden Provokationen zum Schmiermittel für jegliche Kommunikation und
sorgen für höhere Effektivität und mehr Erfolg in Geschäftsverhandlungen,
familiären Situationen, in Beratung und Coaching.
Als Provokateure knüpfen wir an die
historische Figur des Hofnarren an. Dessen Aufgabe war es, Kritik an den
bestehenden Verhältnissen am Hofe zu üben. Unberechenbar, unhöflich,
respektlos, unverschämt und karikierend war er eine soziale Institution
zulässiger Kritik und sorgte für Unterhaltung und Humor unter den
Vornehmen. Überschritt der Hofnarr jedoch bestimmte Grenzen, denen auch er
unterlag, riskierte er Kopf und Kragen. Entsprechendes gilt für uns. Auch
wenn es paradox klingt: Gehen wir bei (den gewollten)
Grenzüberschreitungen zu weit, vereiteln wir nicht nur unser Ziel, sondern
riskieren wir sogar die gesamte Beziehung: Kontaktabbruch, Feindseligkeit,
gekränkter Rückzug, üble Nachrede, offene Aggression usw. können die
Folgen sein.
Vorteile von Provokationen nutzen, Gefahren
vermeiden
Um diese Gefahr zu vermeiden gehört zu
einer gekonnten Provokation wie die andere Seite derselben Medaille, dass
wir bereits eine stabile Beziehung zum Gegenüber haben. Sei es durch eine
langjährige Geschäftsbeziehung, einen gesunden Familienzusammenhalt oder
eine Vertrauensbasis in Beratung und Coaching. Je stärker die Provokation,
desto mehr Stabilität ist auf der anderen Seite Voraussetzung.
Vergewissern Sie sich, dass auch nicht nur Sie die Beziehung als stabil
genug ansehen sondern auch das Gegenüber.
Weiterhin muss die Dosierung stimmen. Die
meisten Gespräche, Coachings usw. werden wir sicherlich auch in Zukunft
ohne Provokationen führen, oft passen sie einfach nicht. Und wenn wir sie
einsetzen, reicht oft ein einziger Satz. Ansonsten besteht das Gespräch
aus dem, was wir als Bestandteile guter Kommunikation kennen. Es gehört
eine ausgeprägte Kommunikationsfähigkeit und Menschenkenntnis dazu
einschätzen zu können, in welcher Schärfe Provokationen sinnvoll sind und
wann das Maß voll ist. Bewährt hat sich z. B. auch, eine verbale
Provokation durch nonverbale Zeichen von Zuwendung und
Freundschaftlichkeit auszubalancieren. Sagen Sie zu jemandem, „Sie sind
aber ein Fiesling“, und zwinkern ihm dabei zu, kann das sogar eine
verbindende Wirkung haben. Begleiten Sie diese Worte hingegen mit einer
wegwerfenden Bewegung, wenden auch noch den Blickkontakt ab und machen ein
strenges oder böses Gesicht, kann das dazu führen, dass der andere sich
von Grund auf abgelehnt fühlt. Möglicherweise ist eine einzige solche
Situation ausreichend für einen dauerhaften Kontaktabbruch. Im Zweifel
sollten wir lieber ein bisschen weniger provozieren, wenn uns am
Fortbestand der Beziehung gelegen ist.
Provokation kommt aus dem Lateinischen
provocare und bedeutet herausfordern, herauslocken. Eine Provokation ist
eine Herausforderung, durch die jemand zu (unbedachten) Handlungen
veranlasst wird oder werden soll. Provokative Handlungen sprengen
Verhaltensnormen, brechen Tabus und treffen das Gegenüber meist
unerwartet.
Daraus ergibt sich die Frage, was locken
wir eigentlich hervor, wenn wir provozieren und warum müssen wir mit
Provokationen so sparsam sein?
Je mehr und je stärker die Provokation
desto mehr Balsam ist erforderlich
Die psychologischen Effekte und damit die
Chancen und Gefahren von Provokationen lassen sich mit dem Modell von W.
Bodhidharma am besten veranschaulichen:
Nach diesem Modell wird das wirkliche Wesen
des Menschen als von drei Ebenen umgeben verstanden: Die erste Ebene
besteht aus der Fassade unseres Sonntagsgesichts. Hier zeigen wir ein oft
nur vorgetäuschtes Wohlbefinden, eine vermeintlich heile Welt, die wir uns
und anderen oft gern als Realität vorgaukeln. Unter diesem „Lack“ liegen
auf der zweiten Ebene Abwehrmechanismen wie übertriebenes Streben nach
Anerkennung angesiedelt sowie Angst vor Gesichtsverlust. Auf dieser Ebene
verteidigen wir Wirkung gegen Sein. Die dritte Ebene ist die Ebene der
verdrängten Gefühle und der Muskelpanzerung. Hier sind echtes Lachen und
Freude, aber auch Hass, Wut und Trauer zu Hause - oft über viele Jahre
angestaut. Dahinter liegt unser durch Herz und Liebe geprägtes wirkliches
Wesen.
Hierzu ein Beispiel: Jemand beschwert sich
z. B. bei Ihnen (als Kollege, Vorgesetzter oder Coach …) über die
Teamassistentin, die er gerade eingestellt hat. Sie können natürlich
geduldig seine Schimpfkanonade über sich ergehen lassen und ihn so in
seinem Bewusstsein auf der ersten Ebene belassen. Er würde die Sicht
bewahren, dass er alles richtig gemacht hat, die Teamassistentin ist ja
schuld. Die Chance, dass er beim nächsten Mal andere Auswahlkriterien
wählt, ist gering und Sie können sich weiter sein Jammern anhören.
Provokationen kratzen am Lack und gehen
„unter die Haut“
Sie können aber auch seinen Lack (Erste
Ebene) ankratzen, beispielsweise: „Klar sind Sie jetzt von der
Teamassistentin enttäuscht. An was haben Sie denn gedacht, als Sie sie
einstellten? Nun seien Sie doch mal ehrlich. Konnten Sie da überhaupt noch
denken?“ Die durch diese Provokation ausgelösten unbedachten Handlungen
können sein: Zumindest für einen Moment Betroffenheit, unangenehme
Gefühle, vielleicht auch Schuldgefühle, Scham, ungeeignete Kriterien für
die Auswahl angesetzt zu haben, etwa mit „typisch männlichen“
Hintergedanken, Angst entlarvt zu werden usw. Sie können auch hinzufügen,
„Typisch Mann“ und wenn Sie ihm dabei zublinzeln oder ihn kumpelhaft dabei
mit dem Ellenbogen berühren, wächst die Chance, dass die erste
Betroffenheit sich in ein gemeinsames Lachen ergießt. Sie brauchen sich
nicht weiter die Geschichten über die ungeeignete Teamassistentin
anzuhören und die Chance, dass er beim nächsten Mal passende Kriterien für
die Auswahl seiner Mitarbeiter zu Grunde legt, wächst.
War die Provokation hingegen nicht passend,
kann er gekränkt sein und aus dieser Kränkung heraus reagieren. Er kann
Ihnen arrogante Besserwisserei vorhalten, Unsachlichkeit oder Einmischen
in seine Angelegenheit. Er kann Sie offen aggressiv angehen, schlecht
hinter Ihrem Rücken über Sie reden, sich in Zukunft von Ihnen zurückziehen
usw. – um nur die Üblichsten zu nennen. Auf diese Weise könnte er
versuchen, sich in seinem Selbstbild auf der ersten Ebene zu stabiliseren,
dass alles mit ihm in Ordnung ist.
Gelungene Provokationen verbessern auf
Dauer die Beziehung, halten Gespräche im Fluss und das Klima locker. Denn
wenn wir ein Mal gemeinsam über unsere Marotten, Schattenseiten oder
abstrusen Situationen gelacht haben, können wir kaum mehr darüber Unmut
entwickeln sondern gehen auch in Zukunft mit Akzeptanz und Verständnis
damit um.
Gekonntes Provozieren muss gelernt sein
Beachten sollten wir beim Einsatz von
Provokationen auch, worauf der Rhetoriker Robert Lay hingewiesen hat. Wir
sollten Provokationen auf keinen Fall aus einer aggressiven Haltung heraus
einsetzen sondern als Strategie. Denn als Ventil für unsere eigenen
Aggressionen führen sie in einen eskalierenden Kränkungskreislauf. Nur
eingesetzt als Methode sind sie sinnvoll. Denn dann erhöhen wir mit ihnen
den Druck zu Veränderung, laden zu veränderten Sichtweisen ein, kommen
schneller auf den Punkt und legen die Saat für gemeinsames Lachen und
Humor. Damit steht uns ein wirksames Schmiermittel, ein Erkenntnisträger
bei jeder menschlichen Kommunikation zur Verfügung.
Die Vielheit und Buntheit der Provokationen
nimmt zu, je flexibler wir mental und emotional sind und je höher unsere
Schauspielkunst ist. Denn wie der „advocatus diaboli“* müssen wir nicht
die Meinung haben, die wir – scheinbar – vertreten, um etwas beim
Gegenüber und in der Situation auszulösen. So gehören das Vortäuschen von
Hilflosigkeit und Wutausbrüchen ebenso dazu wie gespieltes Flirten,
autoritäres Verhalten, Beleidigtsein, Zeigen von Interesse oder
Desinteresse, Jammern, Fürsorge, Ignorieren usw. Doch vergessen Sie nie
das Wichtigste: Humor und gemeinsames Lachen! Und lachen Sie bitte nicht
über das Gegenüber sondern mit ihm, sonst ist Ihnen der Bumerang gewiss.
Trainieren Sie den Einsatz von Provokationen. Damit Ihnen die Balance
gelingt, setzen Sie gerade am Anfang Provokationen eher behutsam ein und
tragen Sie am besten stets drei Dinge mit sich: einen weichen Pinsel fürs
Bauchpinseln, etwas Honig, um ihn um den Mund des Gegenübers zu schmieren
und etwas Balsam für die Seele. Letzteres ist bei versehentlich
ausgelösten Bumerangs auch für die eigene Seele verwendbar.
Die Autoren
W. Bodhidharma ist als Personal Life
Coach und Journalist in München tätig. Nach langem Erforschen der Wirkung
von Provokationen setzt er Provokationen als bewusste Methode seit über 20
Jahren in Verhandlungen, Coaching und Beratung ein. Bodhidharma ist Autor
mehrerer Bücher, unter anderem „Achtung Marketing“, Wild Dragon Media
Verlag, 2003. Das Buch ist bereits deswegen eine Provokation, weil es die
Marketingstrategien aus der Sicht der Zielgruppen, also des Verbrauchers
aufzeigt und gleichzeitig unsere psychologischen und entwicklungsbedingten
Schwachstellen aufzeigt. Mit viel Fingerspitzengefühl zieht er den Leser
so in den Bann, dass er sich wieder erkennt, und erklärt im nächsten
Schritt darüber auf, was der Konsument/Leser unternehmen kann, um aus
diesen Mechanismen auszusteigen. Das Entlarven der Psychostrategien ebenso
wie die Anregungen sind gekonnte und wirkungsvoll-ausbalancierte
Provokationen.
RAin Ruth Hellmich ist als Trainerin
und Coach vorwiegend in Unternehmen tätig und führt eine Coachingpraxis in
München. Ihre Themen sind u.a.: Kommunikation, Rhetorik,
Führungskompetenz, Führen mit Coaching, Teamentwicklung,
Konfliktmanagement, das Kundengespräch sowie Fortbildungen im Coaching,
NLP-Practitioner und NLP-Master (DVNLP). Seit zwölf Jahren lässt sie
Provokation in ihren Coachings und Trainings einfließen, zudem gibt sie
Fortbildungen zum provokativen Coaching und provokative Kommunikation.
Hellmich ist u. a. Autorin des Fachbuchs „Führen mit Coaching – Vom
Potenzial zur Spitzenleistung“ (Businessvillage, Göttingen 2006) und des
Artikels „Brechen Sie Tabus! – Provokatives Coaching“, erschienen im
Spezialheft von managerSeminare Juli 2007.
* advocatus diaboli – (lat. „Anwalt des
Teufels“) ist einlateinischer Ausdruck und bezeichnet ursprünglich in der
römisch- katholischen Kirche die Person, die im Verfahren der Selig- bzw.
Heiligsprechung Argumente gegen die besprochene Persönlichkeit zu sammeln
und vorzutragen hatte (dies wurde 1983 von Papst Johannes Paul II
abgeschafft). Im weiteren Sinne bezeichnet man im Bereich der Rhetorik
jemanden als „advocatus diaboli“, der mit seinen Argumenten die Position
der Gegenseite vertritt, ohne ihr selbst anzugehören.
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